
Die österreichische Bildungsministerin Schmied fordert von den Lehrer_innen 10% mehr zu arbeiten - fürs gleiche Geld. Denn unser Staat muss jetzt sparen wegen der Wirtschaftskrise - und das nach SPÖVP nicht bei Bank- und BörsemanagerInnen, die die Krise verursacht haben, sondern bei den ganz normalen Menschen. Ich möchte darauf wetten, dass die aktuelle Debatte um die Lehrer_innen nur der Anfang ist.
An der Bildung zu sparen, heisst an der Zukunft zu sparen. Schlechtere Arbeitsbedingungen für die ohnehin schon belasteten Lehrer_innen gehen ganz sicher auf Kosten der Schüler_innen. Selbst habe ich im Rahmen meines Schulpraktikums einen kleinen Einblick in die Arbeit der Lehrer_innen bekommen - und war einerseits positiv von der Qualität des Unterrichts überrascht, andererseits aber auch schockiert, wie stressig so ein Vormittag ohne Pause und mit ständigem Lärmpegel ist. Bei Franz Kuehmayer findet sich eine gute Liste, was sich wirklich ändern müsste. Um ein authentisches Bild der Realität der Lehrer_innen zu schaffen, dokumentiere ich hier (mit ihrem Einverständnis) einen
Offenen Brief der Volkschullehrerin Eva Schlemmer
Sehr geehrte Frau Minister!
Ich bin Volksschullehrerin im 19. Dienstjahr und verdiene rund 1.700€ monatlich netto.
Selten hatte ich als klassenführende Lehrerin eine Wochenarbeitszeit, die das Ausmaß von 45 Stunden unterschritt. Meistens waren es noch sehr viel mehr Arbeitsstunden, vor allem, wenn ich die enormen Korrekturarbeiten der 4.Klasse zu erledigen hatte.
Wir VS-Lehrerinnen haben die höchste Lehrverpflichtung: 22 Stunden. (Warum das so ist, kann ich nicht nachvollziehen. Vermutlich, weil in unserem Berufsstand fast nur Frauen arbeiten und diese weniger vertreten und geringer bewertet werden.)
Ein großer Teil meiner KollegInnen hat chronische Krankheiten oder Burn-Out-Erscheinungen.
Eine unengagierte VS-Lehrerin habe ich in meinen 20 Dienstjahren kaum kennen gelernt, mein Ehrenwort!
- Inzwischen integrieren wir in den Volksschulen ehemalige „SonderschülerInnen“, meist ohne unterstützendes Hilfspersonal.
- Zur selben Zeit fördern wir Kinder aus verschiedensten Kulturkreisen mit unterschiedlichen Muttersprachen,
- bekommen irgendwie (und oft können wir selbst nicht sagen, wie uns das gelingt) eine immer größer werdende Anzahl an Kindern mit massiven Verhaltensproblemen und Aggressionen „in Griff“,
- betreuen diese und oft auch deren Eltern psychologisch, ohne dafür ausgebildet und bezahlt zu sein,
- bereiten die gut und hoch begabten Kinder auf den Besuch in der AHS vor
- werden den durchschnittlich begabten Kindern gerecht, damit auch sie nicht durch die große Streubreite an Begabungen und Sonderbedürfnissen zu kurz kommen,
- erstellen Förderpläne für jedes einzelne Kind, aber leider ist kein Personal da, um sie umzusetzen,
- erledigen Sozialarbeit,
- sind oft die Hauptvertrauensperson für verwahrloste und misshandelte Kinder,
- bezahlen unser Arbeitsmaterial aus der eigenen Brieftasche,
- unterstützen nach dem Unterricht etliche Aktionen, Vereine, Anliegen der Gemeinden, etc.,
- halten als einziger mir bekannter Berufsstand DURCHGEHEND Aufsicht, ohne mit gutem Gewissen die Toilette aufsuchen zu können und ohne Recht auf Essenspause (das bedeutet z.B. an Vormittagen von 7.30 bis 12.30h 50 min unbezahlte Früh-und Pausenaufsicht täglich),
- müssen zu Hause ein Büro einrichten, da in den meisten Volksschulen kein Arbeitsplatz und nur ein (manchmal 2) Computer für durchschnittlich15 LehrerInnen zur Verfügung steht.
Die Vorstellung, weitere 2 Stunden (=4 Stunden, denn diese werden ja auch vor- und nachbereitet) unentgeltlich mehr arbeiten zu sollen, ruft Verzweiflung und tiefe Enttäuschung in mir hervor.
Ich fühle mich in meiner Berufsehre, meinem Engagement, meinen jahrelang erbrachten Leistungen unterbewertet und verhöhnt, vor allem auch, da durch Ihre Argumentation alle LehrerInnen in einen (besudelten) Topf geworfen werden und der Polemik und Boulevardpresse auf niedrigstem Niveau ausgeliefert werden.
Uns engagierten LehrerInnen, die eine tragende Säule unserer immer hilfloser werdenden Gesellschaft darstellen, unsolidarisches Verhalten zu unterstellen, anstatt endlich aufzuzeigen, wie wertvoll und professionell die von uns erbrachte Arbeit ist, finde ich schlichtwegs unfair und populistisch.
Ich kann nicht sehen, welche Qualitätssteigerung Sie durch diese Maßnahme erwarten und versprechen. Was ich zuerst sehe ist, dass ab Herbst weitere Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, dass die ohnehin schon verzweifelten arbeitslosen JunglehrerInnen noch weniger Perspektive haben und dass, wenn in 5 Jahren der erwartete LehrerInnenmangel eintritt, zu wenig junges kompetentes Personal eingeschult und nachbesetzbar sein wird. Ein Schuss ins eigene Knie!
Ich liebe meinen Beruf, verdiene mir mein Geld redlich und auch hart, bringe meinen KollegInnen und mir selbst stellvertretend für Sie, unsere oberste Vorgesetzte, Respekt und Wertschätzung entgegen und fühle mich durch die von Ihnen angedrohte Maßnahme abgewertet, demotiviert und verraten.
Ich hoffe sehr, eine sachliche und faire Diskussion auf breiter Ebene im großen Feld der verschiedenen Schularten bewirkt,
- dass sich unser Ruf retten lässt,
- dass Arbeitskreise von LehrerInnen, die in den Klassen stehen (anstatt von schulfremden Personen) , Reformvorschläge ausarbeiten,
- und dass alle Beteiligten mit dem Gefühl der Korrektheit und Transparenz gemeinsam das längst zu reformierende Schulsystem verändern, optimieren und retten.
Mit hoffnungsvollen Grüßen
VOL Eva Schlemmer
Foto: guterunterricht







Kommentare
Also, mein Vater hat mir früher immer gesagt, er habe zwei Traumberufe. Einer war Lehrer, aber nur im Sommerhalbjahr (wegen der Sommerferien) und im Winterhalbjahr wollte er Maurer sein, (wegen dem Schlechtwettergeld) -.O
Nee, das Problem mit der Kürzung der Gehälter/Löhne, und nichts anderes ist ja letztlich die "Erhöhung der Produktivität", ist ein Problem der heutigen Zeit. Das gibt es doch in allen Branchen. Ich kann da persönlich nur für den Bereich der Gebäudereinigung sprechen, aber da is das genau das Gleiche. Der Arbeitsbereich wird bei gleicher Arbeitszeit und gleicher Bezahlung (oft auch einfach mit weniger Geld) jedes Jahr größer. Bei gleicher Qualität für den Kunden versteht sich (jedenfalls behaupten das die Dienstleister). Aber das geht ja garnicht! Nur keiner, der´s bezahlen soll, will das wahrhaben! Irgendwann haben wir in den Schulen wieder Klassen mit 40 Schülern (so war das bei mir in den 60er Jahren) und dann noch womöglich aus verschiedenen Klassenstufen (wie man das aus alten Filmen kennt) und dann wundert man sich, warum die Jugend gemäß Pisastudie immer mehr verblödet (entschuldige den harten Ausdruck) und immer weniger in der Lage ist, zwei zusammenhängende Sätze korrekt zu lesen, oder vielleicht sogar fehlerlos zu schreiben.
Niemand - auch kein noch so engagierter Lehrer - kann sich derart intensiv um die Kinder kümmern, wie das eigentlich notwendig wäre. Bei den Zeitvorgaben schon gleich garnicht!
Wundert man sich aber wirklich über diese Entwicklungen? Nö, nicht wirklich! Unsere Gesellschaft geht den Bach runter - aus Kostengründen. Aber Hauptsache,d en Banken und Autoherstellern werden die Milliarden hinterher geschmissen. Wer das dann am Ende bezahlen soll? Keine Ahnung, vielleicht die Kinder, die schon in der Schule abgeschrieben werden, weil niemand die Zeit hat, sich um sie zu kümmern? Na danke!
Liebe Grüße sendet Thialfi aus dem wunderschön "verbildeten" Badnerland
Ja, da bin ich ganz Deiner Meinung. Als Alternative zur Erhöhung der LehrerInnenarbeitszeit wird im übrigen auch wieder die Erhöhung der Klassenschüler_innenhöchstzahl diskutiert. Furchtbar. Bei der Werkstatt Frieden und Solidarität gibts übrigens einen guten Kommentar dazu: http://tinyurl.com/byzthm
Also ich sehe es so:mehr arbeiten für weniger geld ist schon ok, aber nicht, wenn am ende immer nur die kleine arbeiter darunter leiden. danmn musste JEDER, von dicker politiker bis kleinarbeiter alle darunter leiden. ansosten sind wieder nur die armen dran
Das ist heutzutage echt schwer geworden, zu sagen was gut richtig oder falsch ist. Für manche Menschen ist das die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten
Die Traumberufe waren Arzt und Anwalt. Aber auch die Ärzte sind nicht mehr gut dran. Nur die Anwälte verdienen am besten,,.,.
Ich würde es vermutlich tun-mehr arbeiten für dasselbe Geld. Ob das der Gesundheit allerdigs zuträglich ist, sei mal dahingestellt. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass die Familie dann noch weniger mit dem Berufsleben vereinbar ist und 10% mehr Arbeit bis zur Rente ist sicher auch sehr erschöpfend. Ich würde lieber weiter so arbeiten und dasselbe Geld verdienen ;-)
Ich dachte auch immer, Ärzte fahren alle Porsche und haben ein Haus am Strand...es sieht aber tatsächlich nicht gerade rosig aus bei den Ärzten, deutschlandweit werden sie als Mangelware gehandelt. Aber nicht verzweifeln, es gibt einen Silberstreif am Horizont :)
Ich würde für mehr Geld auch mehr arbeiten. Leider sieht aus eigener langjähriger Erfahrung die Situation im Angestelltenverhältnis bei weitem nicht so aus. Während Grossunternehmen mit 35-Stunden-Wochen glänzen, kämpfen in klein- und mittelständischen Unternehmen die Mitarbeiter teilweise mit Wochenarbeitszeiten von 50 Stunden und mehr ums Überleben - und damit meine ich nicht nur die Geschäftsführer, sondern vor allem die mittlere Führungsebene, bei welcher Überstunden meist gänzlich im Festgehalt abgegolten sind.
Willkommen in der gloobalisierten Welt. Wer sich heute noch hoffnung macht, dass er mit einer 40 Stunden Woche ein annehmbares Gehalt verdient, der sollte lieber schnell aufwachen. Wer Leistung bringt der verdient es auch zu "verdienen".
Der Arbeitsbereich wird bei gleicher Arbeitszeit und gleicher Bezahlung (oft auch einfach mit weniger Geld) jedes Jahr größer.
Ja, stichwort globalisierte Welt. Anpassung der guten an die schlechten Standards im Sinne der global aggierenden Wirtschaftsunternehmen. Thats it. Zwar profitieren wir als Kunden auch davon, aber es gibt immer wieder leidtragende Menschen, die von den Vorteilen anderer profitieren.
Des einen Vorteil, ist des anderen Nachteil. Das ist sozusagen der Energieerhaltungssatz der Marktwirtschaft.
Die meisten Lehrerinnen und Lehrer sind für mich verkannte Helden des Alltags. Hinzu kommt, dass viele Lehrkräfte nicht mehr die Jüngsten sind. 42 Prozent von ihnen und sogar 72 Prozent der Schulleiter sind älter als 50 Jahre. auch nicht gerade easy.
Dass Lehrer Helden sind, find ich nen witz. Viele meiner Lehrer waren schlicht deppen.
Nun ich bin angehender Lehrer im Naturkundebereich und finde das ist eine Frechheit!
Zustimmmung vieler meiner Lehrere waren auch nicht ganz so helle.
Also wnen ich so über den Arbeitsalltag meiner alten lehrer nachdenke, hatten die echt nen leichten job. teilweise haben die sich wochenlang zeit gelassen für die Tests... kA was die den ganzen tag gemacht haben :D
Naja aber die ganzen Arbeiten zu kontrollieren ist wohl doch stressig.. z.B. in der Prüfungszeit.
Immer häufiger stelle ich eine Fehlentwicklung in Sachen Bildung fest. Wann verstehen wir endlich, dass Bildung der einzige Rohstoff ist, der bei uns nachwächst, und mit dem wir uns gegen aufstrebenden Nationen wie die Bric-Staaten absetzen können?
Kann dem Ganzen insgesamt auch nur zustimmen...
Es ist doch immer so, dass die leiden müssen, die sich nicht wehren können. Ich nehme mal an, dass in Österreich Lehrer_innen auch Beamte sind, oder?
Man kann nicht streiken und gehört damit immer zu den gern gesehenen Opfern.
Leider sind dann die Kinder die Leidtragenden, wenn Lehrer_innen dann häufiger krank werden oder ausgebrannt sind.
Super Artikel, vielen Dank
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