Auf diestandard.at findet sich unter dem Titel Raum für _! Das Binnen I bekommt Konkurrenz: Der _ stellt Unsichtbarkeit und sprachliche Repräsentation jenseits von "er" und "sie" zur Debatte ein sehr interessanter Text über verschiedene Schreibweisen. Die Queer-Theoretikerin Gudrun Perko: "In der Unterstrichvariante geht es somit um das Auf- und Anzeigen der Unsichtbarkeit und gleichzeitig auch um einen Platz für Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle, Lesben, Schwule, Drags u.v.m.[...] Sie sieht die Notwendigkeit einer neuen Sprachform in der Forderung und dem Ziel, die Vielfalt von Menschen anzuerkennen, "sowohl in Hinblick auf verschiedene Genderformen, verschiedene Formen von Sex, verschiedenen Begehrensstrukturen als auch auf 'andere Kategorien', über die Menschen sich definieren (und auch definiert werden) wie Alter, Klasse, Hautfarbe, kulturelle Herkünfte, Ability u.v.m.". Perko ist sich sicher, dass es neue sprachliche Formen braucht, damit sich das altbekannte "mitmeinen" nicht wieder in veränderter Form wie "Ich schreibe in weiblicher und männlicher Form, meine aber alle anderen Menschen mit" fortsetzt."
Luise Pusch ist eher skeptisch und tritt für ein konsequentes Hinarbeiten auf neutrale Formen ein.
Ich finde die Überlegungen von Gudrun Perko im Anschluss an Steffen Kitty Hermann ("Performing the Gap - Queere Gestalten und geschlechtlicher Aneignung") sehr spannend. Dass da wieder die gleichen Gegenargumente kommen werden wie beim I oder bei /innen ist klar, das wird im Text auch angesprochen. Ich werde mir mal überlegen, ob ich mich umstellen will/kann. Ich bin ja eine konsequente I-Verwenderin. So konsequent, dass ich immer irritiert bin, wenn ich Texte lese, wo das nicht vorkommt.







Kommentare
Im Moment bin ich gerade dabei mal wieder einen Text zu schreiben der begründet warum man einen Text gendern soll. Deshalb bin ich auch hier gelandet ;)
Ich finde neutrale Formen nicht gut. Sie werden das alte generische Maskulinum ersetzen und wieder sind ein Haufen marginalisierte PErsonen nur mitgemeint, statt aktiv benannt zu werden. Mein Problem mit dem Unterstrich ist, dass er oft so wirkt, als wäre das gendern ein nachträglicher Gedanke. Den theoretischen Nutzen kann ich durchaus verstehen, aber es fällt mir schwer ihn zu benutzen. Allerdings kenne ich die Argumente, die eben die gleichen wie fürs BinnenI sind, gut und werde mir ernsthaft gedanken machen diese Schreibweise zu benutzen. Kennt das eigentlich irgendwer ausserhalb der "feministisch/queeren" Szene?
Ich mache mir auch gerade darüber Gedanken, ich bin aufs grosse I sehr eingespielt. Deine Überlegung, dass es so wirkt, als ob Gender/Queerness nachträglich wäre, finde ich durchaus bedenkenswert - aber gilt das nicht auch für das grosse I?
Ich habe die Schreibweise mit dem Unterstrich schon öfter wo gesehen, war aber froh, dass ich über einen Beitrag gestolpert bin, wo der Sinn erklärt ist. Außerhalb der feministisch-queeren Szene gibts das, glaube ich, noch nicht. Aber das ist noch lange kein Grund nicht damit zu beginnen, denn am grossen I sehen wir ja, dass das mittels Gender Mainstreaming schon weit in den institutionellen Bereich vorgedrungen ist. Das wäre ja auch mit dem Unterstrich denkbar. Allerdings ist der Preis des Mainstreamens immer die Gefahr des Alibis (Sprache und sonst nicht viel) bzw. des Nivellierens der Inhalte.
Bei uns in Schleswig-Holstein ist seit längerem in Rechtsetzung und Behördenschrift, also im kompletten "schriftlichen öffentlichen Raum", vorgeschrieben, weibliche und männliche Form zu verwenden (weibliche zuerst), nachdem zuvor das große I eine Weile verwandt wurde. Das macht Briefe, Gesetzestexte usw., die ohnehin (schon wegen ihres Inhaltes) meist schwer zu lesen sind, zuweilen wahnsinnig unübersichtlich bzw. schwierig zu lesen, so dass dann wieder empfohlen wird, neutrale Formen zu verwenden.
Ist aber nur am Rande erwähnt.
Ich finde nicht, dass die Verwendung weiblicher und männerlicher Formen die Sprache unübersichtlich macht - sondern im Gegenteil: Man/frau kennt sich dann gleich besser aus, was gemeint ist. Ich fühle mich nicht mitgemeint bei Bürger, Lehrer, Studenten etc. Das bin ich definitiv nicht. So würde ich mich z.B. bei einer Stellenausschreibung in dieser Form nicht angesprochen fühlen - und würde ich mich trotzdem bewerben, dort gleich von Haus aus mit einem mulmigen Gefühl hinmarschieren. Durch sprachliche Ausschlüsse passieren reale Ausschlüsse. Sprechen ist Handeln.
Für mich ist es einfach eine Frage der Übung und Gewohnheit - und die Debatte zeigt, dass Sprache veränderlich ist.
Neutrale Formen sind für mich auch okay, ich meine nur, dass es manchmal schwierig ist da überall welche zu finden. Da weiss ich aber nicht, was die GermanistInnen dazusagen.
Liebe Grüsse in den Norden!
Ein Auszug aus einer Landesvorschrift:
"Die Bauherrin oder der Bauherr hat zur Vorbereitung, Überwachung und Ausführung eines genehmigungsbedürftigen Bauvorhabens oder eines Bauvorhabens im Sinne des § 74 Abs. 1 eine Entwurfsverfasserin oder einen Entwurfsverfasser (§ 62), eine Unternehmerin oder einen Unternehmer (§ 63) und eine Bauleiterin oder einen Bauleiter (§ 64) zu bestellen. Der Bauherrin oder dem Bauherrn obliegt es,..."
Das mag subjektiv empfunden werden, aber ich finde das durch die Längenzunahme des Textes schon etwas unübersichtlich. (Übrigens bürgert sich statt "Bauherrin" hier langsam auch der Begriff "Baufrau" ein. Unüblich, aber wohl genauer wäre "Baudame".)
Das große I ist mir da sympathischer.
Vielleicht könnte man ja auch ganz neue Wörter erschaffen, wo es keine neutralen Formen gibt? Neologismen sind in unserer Sprachkultur ja nicht mehr unüblich; und ich selbst stehe dem - soweit es nicht in übertriebenem Denglisch erfolgt - durchaus offen gegenüber.
Ja, bei deinem Zitat würde ich auch unbedingt das grosse I bevorzugen. Mit Denglisch (nettes Wort ;-) ginge schon einiges, aber auch das schaltet nicht die dahinterstehenden Machtmechanismen aus, die in der Sprache zum Ausdruck kommen. Und eigentlich gehts genau um das: Machtumverteilung.
Bei meiner Antwort zu deinem gestrigen Kommentar bei mir musste ich nun glatt überlegen, ob "Fußgängerzone" als eigentlich feststehender Begriff ok für dich ist, oder ob ich "FußgängerInnenzone" schreiben soll. Wie siehst du das?
Da vermutlich sogar mehr Frauen als Männer in diesen für Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, ausgewiesenen öffentlichen Bereichen vorhanden sind: FußgängerInnenzone.
Ich kann damit leben, dass wer das nicht so konsequent macht, aber genau dieses Beispielt zeigt doch, wie absurd es wäre nur von Fußgängerzone zu sprechen.
In Wien, aber auch bei uns in Linz, hast sich bezüglich Strassenschildern auch schon was getan: http://wien.orf.at/stories/157727
... aber in der Tat auch zustimmungswert.
Natürlich freut mich, dass du das so siehst ;-)
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