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Rezension Gemeinde ohne Zukunft

Für die Theologisch-Praktische Quartalschrift 3/2013 habe ich eine Rezension eines wirklich empfehlenswertes pastoraltheologischen Buches geschrieben.

Sellmann, Matthias (Hg.), Gemeinde ohne Zukunft? Theologische Debatte und praktische Modelle (Theologie kontrovers), Freiburg im Breisgau – Basel – Wien 2013

Anliegen dieses Sammelbandes ist es, die Konzeptionsdebatte von Gemeinde intensiv zu führen. Wie geht es mit Kirche vor Ort weiter? Was sind dafür tragfähige Modelle? Dabei wird auf eine ungewöhnliche, aber produktive Konzeption gesetzt: Vier Grundsatztexten der Pastoraltheologen Rainer Bucher (Graz), Andreas Wollbold (München), Herbert Haslinger (Paderborn) und Norbert Mette (Dortmund) folgen Repliken dieser auf ihre Kollegen, die in einer weiteren Runde noch einmal eine Erwiderung erfahren. Im zweiten Teil geben sieben Expert_innen (Dorothea Steinebach, Christian Hennecke, Hildegard Wustmans, Michael Böhnke, Michael Fischer, Christian Bauer, Markus-Liborius Hermann) je eine bedeutsame Handlungsanweisung für die Kirche vor Ort. Der Herausgeber widmet sich zum Schluss der Synopse der Positionen des gemeindetheologischen Diskurses und findet sechs zusammenhängende Ressourcen zukünftiger Gemeindeentwicklung.

Rainer Bucher und Herbert Haslinger sind pointierte Kritiker der Gemeindetheologie bzw. Gemeindeidee, die in den 1970er-Jahren entstanden ist. Diese Praxis- und Sozialform hat heute kaum mehr Passung mit der pluralen Lebenswirklichkeit der Menschen. Der Anspruch an Menschen, aktives Gemeindemitglied zu sein, ist nicht kompatibel mit einer an biografischen Bedürfnissen orientierten situativen Religiosität. Herbert Haslinger sieht Gemeinde als Fortsetzung des vorkonziliaren Paternalismus mit anderen Mitteln. Dieser Versuch scheitert aber zunehmend, weil sich viele Menschen distanzieren. Rainer Bucher plädiert dafür, das Territoriale möglichst lange aufrecht zu erhalten. Wenn es eine wahrnehmungssensible Angebotsstruktur ist, verringert das Territorialprinzip der Kirche die Gefahr, den „Zeichen der Zeit“ auszuweichen. Das ist „ein starkes Signal diakonischer Selbstanbietung der Kirche an und für alle“ (24), „die auch dorthin geht, wo die Kirche endgültig religionsgemeinschaftliche Macht verloren hat“ (39). Hilfreich ist es, die Sozialform Gemeinde zu entmythologisieren und sie als Teil eines Netzes pastoraler Knotenpunkte zu verstehen.

Norbert Mette hält entgegen, dass die Intention des Konzils, Kirche als Gemeinschaft von Gemeinschaften zu konzipieren, unzureichend eingelöst wurde, vor allem durch die Zentrierung auf das Leitungsamt. Die Gemeinde als Praxisform der Solidarität in Antizipation der Reich Gottes-Botschaft gibt es. Ohne den gemeindetheologischen Impuls wäre die Krise der Kirche noch tiefer. Notwendig sei eine stärkere Rückbesinnung auf die Sendung der Kirche in der Welt.

Irritierend dazu sind die Beiträge von Andreas Wollbold. Er schlägt eine Orientierung am dreifachen Amt Christi vor, in dem sich die gesamte Pastoral erschöpft. Insgesamt bleibt – trotz der Debatte – bei den Vorschlägen von Andreas Wollbold unklar, wohin sich die Pastoral angesichts der Krisenerfahrungen und veränderter Kontexte entwickeln könnte. 


Diesem Sammelband gelingt, dass das Ganze wirklich mehr ist als die Summe seiner Teile. Nicht nur die Krise, Grenzen und Probleme der Sozialform Gemeinde werden benannt, sondern Potentiale werden freigelegt, die hilfreich sind, um zumindest in mittlerer Reichweite Gemeinde als Teilbereich der Pastoral positiv weiterzudenken. Dazu gehören die stärkere Orientierung an Charismen, das Taufbewusstsein, das gemeinsame Priestertum und eine stärker pneumatologisch gewendete Ekklesiologie. Dabei werden „Anders-Orte“ (Wustmans) entdeckt, die die Kirche von einer Komm- in eine Gehstruktur (Hennecke) verwandeln. Nähe und Lokalität kommen so neu in den Blick.

„Gemeinde ohne Zukunft?“ bietet viele Impulse für die pastoraltheologische Debatte, die pastorale Planung wie auch Inspirationen für die konkrete Arbeit vor Ort. Vorschnelle und immer fertige Antworten gibt es aber nicht. Das wäre aber wohl auch gar nicht praktikabel.

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