Sep
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Freundschaft 2.0

Für die Zeitschrift "neue gespräche", herausgegeben von der AKP - Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e.V., habe ich einen Beitrag zum Thema Freundschaft geschrieben. Danke an Uli Berens für die redaktionelle Bearbeitung.

Freundschaft 2.0

„Ich habe 137 Freunde.“ Solche Aussagen lassen den Wert des Internets für die Pflege von Beziehungen fragwürdig erscheinen. Vier Klarstellungen und Überlegungen. Von Andrea Mayer-Edoloeyi

1. Freund_innenschaft im Internet: Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion von vielen Missverständnissen geprägt. Ein beträchtlicher Teil davon beruht auf einem Übersetzungsproblem: Der Begriff friend im Englischen meint den weiteren Bekanntenkreis, der Begriff Freund_in im Deutschen bezeichnet dagegen traditionell einige wenige Menschen, mit denen ich engere, vertrautere Beziehungen pflege. Über Facebook bin ich wohl auch mit einigen engen Freund_innen verbunden, den Großteil dieser Beziehungen bilden aber Beziehungen zu friends - zu losen Bekannten.

2. Das Beziehungsmanagement im Social Web ist also oft ein Management von „weak ties“, eines erweiterten Freundes- und Bekanntenkreises. Diese „weak ties“ spielen jedoch nach der soziologischen Netzwerktheorie eine wichtige Rolle für den Aufbau von Sozialkapital. Die engsten Beziehungen („strong ties“) werden online wie offline gepflegt; der Termin für den Kaffeetratsch wird vielleicht auf Facebook arrangiert, der gemeinsame Kaffee wird aber immer noch in der Kohlenstoffwelt getrunken. Der Facebook-Erfinder Marc Zuckerberg sagt dazu ganz prägnant: „Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht. Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiss nicht was Freundschaft bedeutet.“

Viele Jugendliche, die im Social Web besonders aktiv sind, verwenden große Kreativität darauf, um den Unterschied zwischen den „weak ties“ und „strong ties“ deutlich zu machen. Selbst dann, wenn der geschlossene Software-Code einer Social Networking-Site die spezifische Kennzeichnung enger FreundInnen nicht vorsieht, entwickeln sie diffizile Strategien, um ihre Kontakte zu unterscheiden, zum Beispiel über eindeutig benannte Fotoalben oder Verlinkungen auf Fotos. Dazu passt, dass Jugendliche seit Jahrzehnten als Lieblingsbeschäftigung faktisch unverändert „Mit Freunden treffen“ angeben. Überhaupt hat sich das Freizeitverhalten von jungen Menschen kaum nennenswert verändert; die ständige mediale Begleitung ist aber dazu gekommen.

3. Ein Start bei Facebook setzt in der Regel bestehende Beziehungen voraus. Das heißt: Ich nutze Facebook, um mit meinen Freund_innen, Bekannten, Verwandten in Beziehung zu bleiben. Auch die allmähliche Ausweitung des Beziehungsnetzes, die sich dann entwickelt, beruht in der Regel wieder auf gemeinsamen Bekanntschaften. Twitter ist anders: Es arbeitet nach dem „Follower-Prinzip“. Das bedeutet, ich „folge“ jemandem, indem ich seine Nachrichten (genannt „Tweets“, bestehend aus maximal 140 Zeichen) abonniere und dann automatisch mitlesen kann. Wenn das Gegenüber meinem Twitter-Account „folgt“, kann er meine Nachrichten mitlesen.

Meine friends auf Facebook habe ich also meist auch schon face-to-face getroffen, sie waren mir schon vorher näher oder weitläufiger bekannt. Meine follower auf Twitter dagegen habe ich meist dort erst kennen gelernt. Denn auf Twitter suche ich mir in der Hauptsache Anbieter_innen aus, deren Themen mich interessieren. Das kann Barack Obama sein oder die „Frankfurter Allgemeine“; mit beiden muss ich nicht befreundet sein, um follower zu werden. Twitter ist also stärker thematisch gruppiert. Allerdings bringt mich das Interesse am gleichen Thema möglicherweise mit Leuten in Freund_innenschaft zusammen, die ich vorher nicht kannte.

Das heißt: Die unterschiedliche Struktur der jeweiligen Social Media bringt einen unterschiedlichen Umgang mit Beziehungen mit sich. Ich möchte beides nicht missen und kann insbesondere sagen, dass ich manche mittlerweile zu meinen engen Freund_innen zähle, die ich ohne Twitter nie kennen gelernt hätte. Mittlerweile finde ich es nicht mehr ungewöhnlich, Bekannte von Twitter auch face-to-face zu treffen.

4. Das Social Web schafft durch die Möglichkeit der Anonymisierung neue Chancen. Ist das interessante Gegenüber, dass ich im Web als „BoingBoing“ kenne, nun alt oder jung, Mann oder Frau, „schwarz“ oder „weiß“, Professor oder Sponti? So manche interessante Überraschung habe ich da schon erlebt. Die Anonymität erleichtert es mir auch, aus meiner „Deckung“ zu kommen, mich zu offenbaren, zu zeigen, wie ich wirklich bin. Ein Beispiel: Der Hashtag (Schlagwort) #aufschrei bündelte in kurzer Zeit unzählige Berichte über Alltagssexismus. Er animierte viele Frauen und Männer, im Schutz der Anonymität ihre Erfahrungen zu erzählen; in kurzer Zeit kamen tausende, zum Teil sehr berührenden Tweets zusammen. Aus dem Netz wanderte das Thema zurück in die etablierten Medien und in die Politik, eine Wirkung, die zuvor noch kein Hashtag in Deutschland hatte; #aufschrei wurde dafür mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

Es lohnt sich darum darüber nachzudenken, wo sich durch die Kommunikation im Internet auch neue Chancen ergeben, sich vorurteilsfrei, offen und jenseits festgelegter Rollenklischees zu begegnen, und ob neue Freund_innenschaften möglich werden, die so einfach ohne das Internet nicht entstanden wären. Denn das Internet lässt mich ja zunächst einfach nur das wahrnehmen, was da jemand schreibt und mit seinen friends und followern teilt. Dabei bleibt das Faktum, dass mein Gegenüber im Internet zum Beispiel gehörlos ist oder ein schlimmes Flüchtlingsschicksal hat, für meine Begegnung und meinem Umgang mit ihm nicht entscheidend.

Das Social Web kann darum neue Freiheiten schaffen, womöglich Vorurteile abbauen und Freund_innenschaften jenseits von meinen bisherigen sicheren Gewohnheiten ermöglichen.

Foto: Flickr CC by-nc-sa amanda.venner

Comments

Submitted by Freundschaft 2.0 | ~ andreame | Kirche 2.0 | Sc... (not verified) on 19. September 2013 - 17:12.

[...] Freundschaft 2.0 | ~ andreame From andreame.at - Today, 6:12 PM [...]

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