Jul
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Ein "christlicher Fundamentalist"?

Anders B., der mutmaßliche Urheber der grausamen Attentate in Norwegen wird in den Medien immer wieder als "christlicher Fundamentalist" bezeichnet. Seine wirren Gedanken weisen offenbar nicht nur in die Richtung des Rechtsextremismus, sondern enthalten eben auch Spuren des Christlichen - oder was er da auch immer darunter versteht. Die Aussage, Anders B., sei "christlich-fundamentalistisch" orientiert, stammt von der norwegischen Polizei.

Zu Recht gibt es Empörung auf Twitter, wenn der ORF Niederösterreich nun diese Bezeichnung verbieten lassen will. So eine Direktive ist wohl mit einem guten Stück Verleugnung der Realität verbunden. Es gibt sie, diese Leute, die die christliche Botschaft so derartig missverstehen, dass sie Fremdenhass, nationalsozialistisches Gedankengut und in letzter Konsequenz einen unglaublichen Gewaltausbruch gegen Kinder und Jugendliche damit verbinden. Ich erinnere nur an die Holocaust-Leugnung des Piusbruders Richard Williamson und letztlich kommt der Auftritt von HC Strache mit einem Kreuz auch aus dieser Ecke. Aber keine Frage, da liegen trotzdem noch Welten zwischen den drei genannten Personen.

Und doch: Ich verstehe das Unbehagen von Christ_innen, wenn sie mit jemand wie Anders B. irgendwie in einen Topf geworfen werden. Ich habe das selbst. Zwar wird korrekterweise von "fundamentalistisch-christlich" gesprochen und nicht nur von "christlich", aber trotzdem: Die Pauschalverurteilung alles Christlichen schwingt da mit und mich wundert nicht, dass im Standard-Forum auch schon wieder die Kreuzzüge herhalten müssen. Es ist eine Pervertierung des Christlichen, die da passiert (und bei den Kreuzzügen passiert ist): Jesus war derjenige, der ermordet wurde und nicht umgekehrt. Christ_innen sind parteilich für die Opfer und arbeiten für eine Welt, in der es keine Opfer mehr gibt. Wenn ich sage, "Ich glaube an Gott" kann ich nicht weiterleben, also ob das nichts für mein Leben in dieser Welt bedeuten würde. Es geht um nicht mehr und um nicht weniger als die Würde jedes Menschen.

Und doch: Es gibt sie, diese Fundamentalist_innen, die sich Versatzstücke des Christlichen nehmen, missverstehen und umdeuten. Die traurige Spitze des Eisberges ist in Norwegen sichtbar geworden, eine Aussage, die wohl auch für den Rechtsextremismus in Europa gelten muss. Die Geschichte des Christentums ist wohl auch nicht unschuldig an der Ambivalenz des Themas. Damit das künftig vielleicht irgendwann nicht mehr so ist, wünsche ich mir, dass sich Christ_innen, die Kirchen, die beeindruckenden Worte des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg beim Trauergottesdienst in Oslo auch für sich selbst zu Herzen nehmen:

Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.

Nachtrag: ORF Niederösterreich: Anders B. kein "Christ" von Alexandra Bader

Foto: CC BY-SA by johsgrd

Comments

Submitted by Uli (not verified) on 25. July 2011 - 23:05.

Ich finde es so interessant wie bedauerlich, dass eine bestimmte Denkrichtung - ich nenne sie eine "christikale" Denkrichtung, denn "christlich" kann sie nicht sein - sehr oft auch die Hände einer nazistischen, rechtsradikalen Weltanschauung schüttelt, was Du in Deinem Kommentar ja auch festhältst.

Allerdings glaube ich, dass der Attentäter etwas für "christlich" hält, was höchstens noch als kulturelles Gerücht durch unsere Gesellschaft weht, und sich dann in ihm dumpf mit Wahn zu einer furchtbaren "Logik" manifestiert.

Er steht für mich auf einer Stufe mit allen, die meinen, für ihre Weltanschauung oder "Religion" muss gemordet werden. Das ist immer diabolisch, böse, grundlos.

Submitted by andrea on 25. July 2011 - 23:58.

Ich bin ganz deiner Meinung, Uli, frage ich aber jetzt, ob es klug ist, dass ich Andres B. selbst so bezeichne, selbst in der Kombination "christlich-fundamentalistisch" ...

Submitted by christian (not verified) on 26. July 2011 - 1:08.

Abgesehen davon das in meiner Warnehmung irgendwelche christlichen Motive von Anders B. keine nennenswerte Rolle gespielt haben (das kann aber auch daran liegen, das ich mich mehr auf Wurzeln im rechten und pseudo-kulturideologischen Eck konzentriere), fällt mir zu deinem Artikel vor allem eines ein:
Das kommt mir doch bekannt vor. In schöner Regelmäßigkeit wird absichtlich oder fahrlässig die Grenze zwischen Islam als Religion und Islamismus als das, was üblicherweise als dessen radikale Teilmenge verstanden wird, verwischt.

Ich will weder jemandem bestimmten (schon gar nicht Andrea) sprachliche oder ideologische Manipulation vorwerfen, noch irgendwelche Radikalinskis gegeneinander aufrechnen, aber wenn jetzt über unpräzise Formulierungen geklagt wird, so kann ich es mir nicht verkneifen, auf das Glashaus hinzuweisen, in dem so mancher Kommentator, gerade aus konservativem ( und christilichem?) Lager sitzt.

Submitted by Giovanni (not verified) on 26. July 2011 - 7:55.

ja, ich schließe mich Christian an. Ich denke Gewalt beginnt spätestens bei der Wortwahl, mit der ich andere beschreibe, bewerte, beurteile....und die panikerregende Debatte um den Islami(smus) wird gerade -zwar durchaus in verschiedenen Schattierungen und mehr oder weniger intelligent aber doch auch- von manchen sich selbst als Christen verstehenenden Einzelpersonen oder Gruppen vorangetrieben und dies in einer seltsamen Allianz mit radikalen Atheisten, denen der Islam(ismus) schon deshalb ihr liebstes Kind ist, weil er ihnen als personifiziertes Böses alles Religiösen dient.
Interessant in diesem Zusammenhang auch die wehleidige Reaktion auf manchen Blogs, die in diesem Zusammenhang sehr unangenehm auffallen. Gerade in ihrer manchmal hilflos wirkenden Antwort auf den Horror von Oslo, versuchen sie ihre Islamophobie dauernd schönzureden.Ähnlich wie die europ. Rechtsparteien z.Z.in der Zwickmühle sind, sich einerseits von einem Massenmörder zu distanzieren ohne andererseits ihre Ideologie preisgeben zu müssen.
Dabei hat nicht nur Gewalt kein christliches Fundament, auch Phobien aller Art haben keinen Platz im Christentum, allenfalls in der Kategorie der zu heilenden Krankheiten.

Submitted by andrea on 26. July 2011 - 11:16.

Ja, den Vergleich mit dem Reden über den Islam halte ich für sehr passend. Drum hatte ich ja auch den Beitrag von Alexandra nachgetragen, der genau diesen Aspekt beleuchtet.
Vorsichtig wäre ich aber in der Pauschal-Bewertung der "radikalen Atheist_innen". Da gibts durchaus auch welche, die ins rassistische Eck abrutschen, aber auch da sollten wir nicht alles in einen Topf werfen. Da stecken auch sehr unterschiedliche Haltungen dahinter. Bei Philipp gab dazu neuerdings eine interessante Debatte.

Submitted by christian (not verified) on 26. July 2011 - 13:05.

weils dazu passt, der heutige Kommentar von Yilmaz Gülüm und Olivera Stajić:
http://dastandard.at/1310512166169/Norwegen-Was-ist-christlich

Submitted by Thomas Arbs (not verified) on 26. July 2011 - 13:35.

Ohne etwas darüber zu sagen, ob die Bezeichnung berechtigt, unglücklich oder völlig falsch ist, sehe ich es wie Christian:

Genau jetzt sehen wir Christen, wie sich unsere moselmischen Nachbarn, die ihr Kind morgens in denselben Kindergarten bringen wie wir, sich fühlen müssen angesichts der fast alltäglichen Berichterstattung über "islamischen" oder "islamistischen" Terror.

Submitted by andrea on 26. July 2011 - 17:51.

... ich hoffe nur, "wir" lernen was daraus. Ich lese jetzt leider schon wieder die ganzen Rufe nach mehr Überwachung und so. Mehr Miteinander und mehr Empathie, ja das wärs. Sicherheit entsteht im Miteinander, nicht Gegeneinander.

Submitted by Matze (not verified) on 13. February 2013 - 14:11.

Die Nazis haben auch gerne Nietzsche zitiert und klassische Musik gehört. Ist deswegen Nietzsche und Klassische Musik etwas schlechtes - nur weil Geistesrkranke dies als Vorwand für ihren Irrsinn verwenden.

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