sexualisierte Gewalt

Mar
28

Mitgehangen, mitgefangen - zur Erbsünde der Kirche

[Erstveröffentichung auf ThemaTisch]

Ich merke immer mehr, dass ich es in meiner Wut und meiner Sprachlosigkeit immer mehr brauche, mich dem Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche  in theologischer Weise anzunähern. Interessant, dass gerade die Tradition der Kirche da Beschreibungsmuster bereithält, die der Sache meiner Meinung nach mehr gerecht werden als nicht-religiöses Sprechen über das eigentlich Unfassbare. Offenbar stimmt die Rede von geronnenem Wissen.

400px-B_Escorial_18Eine solche Rede ist die von "Erbsünde". Dieser Begriff ist vieldeutig und höchst missverständlich, denn es gibt einen Traditionsstrang vom Kirchenvater Augustinus her, wo der Mensch als sündig aufgrund seiner Zeugung durch sexuelle Handlungen beginnend bei Adam und Eva gesehen wird. Diese Tradition ist es auch, dass ganz erheblich dazu beigetragen hat, dass Kirche lange Sexualität verteufelt, tabuisiert hat und es in manchen Bereichen noch immer tut. - Etwas, dass meiner Meinung nach ein Teil des Problems ist, denn die sexualisierte Gewalt in der Kirche ist nicht nur ein missachtenswertes Vergehen an Kindern durch einzelne Menschen, sondern eben auch ein strukturelles Problem der Institution Kirche.  


Und doch: Es gibt ein Denkens über den Begriff "Erbsünde", die für mich meine aktuelle Situation sehr gut zum Ausdruck bringt. Fernab von irgendwelchen genetischen Vererbungen ist es doch so, das wir Menschen schon hineingeboren werden in einer Welt, die nicht nur gut ist, sondern strukturelle Ungerechtigkeit, Ausschluss, Machtmissbrauch, Egoismus ist die Regel - im kleinen wie im globalen. Denke ich nur an mein Konsumverhalten, perpetuiere ich tagtäglich durch das, was ich kaufe und esse diese Ungerechtigkeitsverhältnisse - selbst dann, wenn ich mich bemühe vermehrt Fair Tratte- und biologische Produkte zu kaufen. Ich kann nicht wirklich aussteigen aus dem Kreislauf der Ungerechtigkeit. Meine Freiheit ist beschränkt. Diese Situation meint der Begriff "Erbsünde" oder auch die Rede von "struktureller Sünde", die auch Eingang ins II. Vatikanische Konzil, den Aufbruch der Kirche in den 1960er-Jahren, gefunden hat. 

Mar
28

"Soviel kann ick jar nich fressen, wie ich kotzen möchte"

[Erstveröffentichung auf ThemaTisch]

"Soviel kann ick jar nich fressen, wie ich kotzen möchte" sagte Max Liebermann angesichts von Nazi-Fackelzügen durch das Brandenburger Tor, vor dem ich letzte Woche gestanden bin, im Jahr 1933. Dieser Spruch geht mir seitdem nicht aus dem Sinn, auch wenn jeder Vergleich unangemessen ist. Immer wieder muss ich "Soviel kann ick jar nich fressen, wie ich kotzen möchte" denken, wenn mir der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in den Sinn kommt.

3385126997_2a641d311b_mViel ist dazu schon gesagt worden: Zu Recht wird Aufklärung, Transparenz, Hilfe für die Opfer und Prävention für die Zukunft gefordert. Zu Recht wird nach Strukturen gefragt, die Missbrauch und Gewalt begünstigen. Zu Recht wird die moralische Integrität einer Kirche in Frage gestellt, die zulässt, dass Kinder zu Opfern werden und TäterInnen ungeschoren davon kommen. Zu Recht wird aber auch darauf hingewiesen, dass ein einfacher Schluss vom Zölibat auf Kindesmissbrauch zu kurz greift. Zu Recht verweist die Kirche auch darauf, dass in den letzten 10, 15 Jahren Strukturen entwickelt wurden wie die Ombudsleute in den Diözesen, die Ansprechstellen für die Opfer sind und präventiv wirken sollen. Und, und, und ...